Die Nacht der leisen Schritte
Dann klopfte es.
Nicht energisch. Nicht höflich. Es war ein zögerndes, fast scheues Klopfen, als würde jemand draußen stehen, der nicht sicher war, ob er überhaupt stören durfte. Felix legte den Laptop zur Seite und stand auf. Durch den Flur, vorbei an der Garderobe, zur Wohnungstür. Er öffnete.
Mareike stand davor.
Sie hatte geweint. Das sah er sofort – die geröteten Augen, die feuchten Wangen, das angespannte Beben ihrer Unterlippe. Sie hielt eine Tasche in der Hand, nicht einmal einen richtigen Koffer, eher eine dieser großen Stofftaschen, die man vom Einkaufen kannte, und darin schien wahllos zusammengeraffte Kleidung zu sein. Sie zitterte, obwohl es draußen nicht kalt war.
„Mareike“, sagte Felix leise. Nicht fragend. Es war kein „Was machst du hier?“ Es war ein „Ich sehe dich.“
Sie öffnete den Mund, aber nichts kam heraus. Nur ein leiser, stockender Atemzug. Dann schüttelte sie den Kopf, als wäre sie wütend auf sich selbst, dass sie nicht sprechen konnte. Ihre Schultern zuckten.
Felix trat zur Seite. „Komm rein.“
Sie zögerte eine Sekunde, dann trat sie über die Schwelle. Er schloss die Tür hinter ihr. Der Flur war eng, und sie standen sich nahe – so nah, dass er ihre kalte Haut riechen konnte, einen Hauch von ihrem Shampoo, aber auch etwas Verweintes, Erschöpftes.
„Ich wusste nicht, wo ich hin soll“, brachte sie schließlich hervor. Die Stimme war brüchig, ganz dünn. „Ich konnte nicht … in dieser Wohnung bleiben. Alles erinnert an ihn. Die Zahnbürste. Die Couch. Das Bett. Ich hab’s nicht ausgehalten, Felix. Nicht eine weitere Minute.“
Felix nickte. Er wusste, dass Mareikes Partner – nein, Ex-Partner, das musste er sich sagen – vor drei Wochen ausgezogen war. Die stille, höfliche Trennung, von der alle im Haus nur durch die Kisten auf dem Bürgersteig erfuhren. Er hatte ihr damals eine Nachricht geschrieben: „Wenn du reden willst, ich bin da.“ Sie hatte mit einem Smiley geantwortet, aber nie darauf zurückgekommen.
Bis jetzt.
„Komm mit“, sagte er und führte sie ins Wohnzimmer. Er machte das Licht an – nicht die Deckenleuchte, zu grell, sondern die Stehlampe neben dem Sofa, die ein warmes, bernsteinfarbenes Licht warf. Mareike stellte ihre Tasche ab und blieb mitten im Raum stehen, als hätte sie vergessen, wie man sich setzt.
Felix zog zwei Gläser aus dem Schrank, schenkte Wasser ein, stellte eines vor sie auf den Tisch. Sie nahm es, aber trank nicht. Sie hielt es nur fest, als wäre es ein Anker.
„Er hat gesagt, er liebt mich nicht mehr“, flüsterte sie. „Einfach so. Nach sieben Jahren. Er hat gesagt, er liebt mich nicht mehr, und dann war er weg. In zwanzig Minuten. Gepackt und weg. So als ob … als ob ich nie wichtig war.“ Ihre Stimme brach. „Und heute Abend habe ich seine Socken gefunden. Ein Paar, unter dem Bett versteckt. Und das hat mich einfach … zerbrochen. Socken, Felix. Wegen Socken heule ich wie ein Kind.“
Felix setzte sich neben sie, nicht zu nah. Er ließ einen halben Meter Platz. „Darf ich dich in den Arm nehmen?“
Sie sah ihn an, die Augen groß und gläsern. Dann nickte sie, einmal, ganz schnell.
Er öffnete die Arme, und sie fiel hinein – nicht sanft, sondern mit einer Art Erleichterung, als würde ihr Körper genau das schon seit Stunden tun wollen. Sie weinte gegen seine Brust, ihre Finger krallten sich in sein Hemd, und er hielt sie einfach. Keine hastigen Streicheleinheiten. Kein „Schschsch, wird schon wieder.“ Nur seine Hand auf ihrem Rücken, schwer und warm, während ihre Tränen seinen Stoff nässten.
Lange Zeit verging.
Irgendwann wurde ihr Weinen leiser, hörte ganz auf, und sie atmete nur noch tief und unregelmäßig. Sie löste sich ein Stück, wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen, sniefte.
„Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich komm hier an wie ein halbtoter Vogel und weine dir die Wohnung voll.“
„Das ist okay“, sagte Felix. Und weil er es ehrlich meinte, sagte er noch: „Ich war heute froh, dass jemand klopft. Die Stille wird einem sonst zu laut.“
Mareike sah ihn an, und zum ersten Mal zuckte etwas wie ein Lächeln um ihre Mundwinkel. Nur eine Andeutung. Aber es war da.
Sie redeten noch eine Weile. Über nichts und alles. Über ihre Arbeit, über seinen nervigen Nachbarn von oben, über die beste Art, Nudeln zu kochen. Es war nicht tiefgründig, aber es war gut. Es war so, als würde Mareike für ein paar Stunden vergessen, dass ihr Leben gerade in Scherben lag.
Irgendwann gähnte sie. Es war ein großes, ungeschütztes Gähnen, bei dem sie die Hand nicht vor den Mund nahm, und Felix musste lächeln.
„Du kannst hier schlafen“, sagte er. „Ich hab ein Gästebett, aber … das ist alt und durchgelegen. Oder du nimmst mein Bett, und ich schlaf auf der Couch.“
Mareike schüttelte den Kopf. „Nein. Bitte nicht. Ich will nicht allein sein. Ich kann nicht noch eine Nacht allein sein.“ Ihre Stimme wurde wieder dünn. „Kann ich … bei dir bleiben? Im Bett? Nur zum Schlafen, Felix. Ich will nichts Falsches andeuten. Ich will nur nicht allein sein.“
Er sah sie an. Ihr Gesicht war müde, verweint, offen. Es lag nichts Berechnendes darin, nichts, was nach mehr fragte als nach einem warmen Körper neben sich in der Dunkelheit.
„Ja“, sagte er. „Komm.“
Sie gingen ins Bad. Er gab ihr ein frisches Handtuch und ein altes T-Shirt von ihm – zu groß, weich von hundert Wäschen. Sie verschwand hinter der Tür, und er hörte das Wasser laufen, das Geräusch von Zähneputzen, von Kleidung, die zu Boden fiel. Er selbst zog sich im Schlafzimmer um. Boxershorts, ein dünnes Leinenhemd, das er offen ließ.
Dann klopfte sie an die angelehnte Tür. „Darf ich?“
„Ja.“
Sie trat ein.
Sein T-Shirt hing an ihr wie ein Zelt, es fiel ihr bis über die Hüften. Ihre Beine waren nackt, und ihre Füße waren zart und schmal auf dem Holzboden. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen, die Tränenspuren weg, aber ihre Augen waren noch rot. Sie sah aus wie eine sehr junge, sehr traurige Prinzessin in fremden Kleidern.
Felix zog die Decke zurück, schlüpfte auf seine Seite des Bettes – ein breites Bett, 1,80 Meter, genug Platz für zwei Menschen, die sich nicht berühren mussten, wenn sie nicht wollten. Mareike zögerte einen Moment, dann legte sie sich auf die andere Seite. Sie blieb auf dem Rücken liegen, die Hände auf ihrem Bauch, die Augen an die Decke gerichtet.
„Mach das Licht aus“, sagte sie leise.
Er tat es.
Dunkelheit. Und dann, nach ein paar Sekunden, das sanfte Rauschen ihres Atems. Es war noch kein Schlaf, es war die angestrengte Ruhe von jemandem, der sich bemüht, stillzuliegen.
Felix lag auf seiner Seite, den Kopf auf dem Arm, und sagte nichts. Er gab ihr Raum.
Dann, nach einer langen Stille, hörte er sie atmen – einen stockenden Atemzug, ein halb unterdrücktes Schluchzen. „Er hat mich nie so gehalten“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „In all den Jahren hat er mich nie einfach nur gehalten. Es gab immer einen Grund, warum er mich nicht anfassen wollte. Zu warm, zu spät, zu müde. Ich dachte, das wäre normal.“
Felix schwieg.
„Kann ich … zu dir rüber?“, fragte sie.
„Ja.“
Er spürte, wie die Matratze sich bewegte, wie sie sich aufrichtete und dann wieder sinkte – jetzt neben ihm, ihren Körper in einer leichten Kurve an seinen Rücken gelegt. Ihr Kopf fand die Mulde seiner Schulter. Ihre Hand legte sich flach auf seine Brust. Sie zitterte noch, aber es wurde weniger.
„Ist das okay?“, fragte sie.
„Es ist gut“, sagte er.
Und es war gut. Es war nicht aufgeladen, nicht erzwungen. Es war einfach eine Frau, die in den letzten drei Wochen zum ersten Mal wieder das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Felix hob seine Hand und legte sie sanft auf ihre, die auf seiner Brust lag. Er machte keine weiteren Bewegungen. Er spürte ihre Wärme durch das dünne Hemd hindurch, den weichen Druck ihrer Finger.
Mareike atmete tief aus, und dieses Ausatmen war anders als die vorherigen. Es war kein Seufzen der Erschöpfung, sondern eins der Ankunft. Sie war angekommen. Hier, in diesem Bett, bei diesem Mann, den sie seit zwei Jahren als Nachbarn kannte, der immer freundlich grüßte, der ihr einmal half, die Waschmaschine zu reparieren, der nie etwas wollte.
„Felix?“
„Hm?“
„Ich mag deine Hand.“
Er lächelte im Dunkeln. „Ich mag deine auch.“
Sie drehte sich ein wenig, so dass sie jetzt mehr auf dem Bauch lag, ihr Gesicht in seiner Halsbeuge vergraben. Ihr Haar roch nach seinem Shampoo, weil sie seines vergessen hatte, und das war seltsam vertraut. Sein Arm legte sich um ihre Taille, nicht fest, nur ablegend, eine Geste, die sagte: Ich bin da.
„Erzähl mir was“, flüsterte sie. „Irgendwas. Wie dein Tag war. Was du morgen früh isst. Wie die Wolken heute aussahen. Irgendwas, was nichts mit mir zu tun hat.“
Und so erzählte Felix. Von der kaputten Kaffeemaschine, die er heute endlich repariert hatte. Von dem alten Mann an der Bushaltestelle, der einer Taube Brotkrümel zuwarf. Von dem Buch, das er las, in dem der Held gerade in einem Moor stecken geblieben war. Er redete leise, gleichmäßig, ohne auf eine Antwort zu warten. Es war wie ein Lied ohne Melodie, eine leise Litanei des Alltags.
Mareikes Atem wurde tiefer. Ihre Hand, die noch auf seiner Brust lag, wurde schwerer. Ihr ganzer Körper entspannte sich, als würde endlich, endlich die Anspannung von ihr abfallen, Schicht für Schicht.
„Bleibst du?“, fragte sie, schon halb im Schlaf.
„Ich bleibe“, sagte Felix.
Und er blieb.
Er blieb, als sie einschlief, ihr Mund leicht geöffnet, ihr warmer Atem gegen seinen Hals. Er blieb, als sie im Schlaf näher rutschte, ihr Bein zwischen seine schob, suchte nach Wärme wie eine Pflanze nach Licht. Er blieb, als seine Schulter taub wurde und sein Arm einschlief. Er blieb, weil es das Einzige war, was zählte in dieser Nacht.
Irgendwann schlief auch er ein.
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Der Morgen kam mit einem zarten, fahlen Licht durch die Vorhänge. Felix wachte auf, weil sich etwas bewegt hatte. Mareike war wach. Sie lag noch immer neben ihm, aber sie hatte sich ein Stück zurückgezogen und betrachtete sein Gesicht. Ihre Augen waren nicht mehr rot, sondern klar und hell. Sie sah aus, als hätte sie gut geschlafen.
„Guten Morgen“, sagte sie leise.
„Guten Morgen“, sagte er mit einer Stimme, die noch ganz tief und verschlafen war.
Sie lächelte. Diesmal ein richtiges Lächeln. Klein, aber echt. „Du schnarchst übrigens. Ganz leise. Aber es ist irgendwie … beruhigend.“
„Das hat mir noch nie jemand gesagt“, murmelte Felix.
Sie lachte leise, ein erstes, vorsichtiges Lachen, wie Glas, das nicht zerbricht. Dann wurde ihr Blick wieder ernst, aber nicht traurig. Nachdenklich.
„Felix“, sagte sie. „Letzte Nacht war das Beste, was mir seit Wochen passiert ist. Und ich meine nicht … irgendwas Komisches. Ich meine, einfach da sein. Ohne etwas zu wollen. Du hast mich gehalten, als ob das das Normalste der Welt wäre. Und für mich ist es das nicht. Das war nie normal für mich.“ Sie schwieg einen Moment. „Darf ich heute Nacht auch hier sein?“
Felix drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf die Hand. „Du darfst so viele Nächte hier sein, wie du willst. So lange, bis du wieder in deine Wohnung kannst. Oder bis du eine neue hast. Oder bis du mich nicht mehr erträgst.“
Sie lachte wieder, dieses leise Gläserne. „Das dauert wahrscheinlich eine Weile.“
„Gut“, sagte er.
Mareike schob sich näher, legte ihren Kopf wieder an seine Schulter, aber diesmal war es anders. Es war nicht mehr die Geste einer Ertrinkenden. Es war die Geste einer Frau, die sich aussuchte, wo sie sein wollte.
„Kann ich dich etwas fragen?“, sagte sie nach einer Weile.
„Immer.“
„Würdest du mich heute in den Arm nehmen? Einfach so. Nicht nur nachts. Auch tagsüber. Einfach mal, wenn ich traurig bin. Oder auch wenn ich nicht traurig bin. Einfach so.“
Felix strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Moment war so zart, dass er kaum zu atmen wagte. „Das würde ich sehr gerne tun“, sagte er.
Sie schloss die Augen. Und in dem stillen, hellen Morgenlicht, umgeben von der Wärme zweier Körper, die noch nicht wussten, was sie füreinander sein würden, aber Zeit genug hatten, es herauszufinden – in diesem Augenblick war alles genau richtig
Es begann nicht mit einem großen Moment. Kein Kerzenlicht, kein Wein, keine dramatische Geste. Es begann mit kleinen Dingen, die sich über Tage und Wochen sammelten, bis sie ein Eigengewicht bekamen.
Mareike hatte nach jener ersten Nacht nicht mehr in ihre Wohnung zurückgefunden. Zunächst aus Trauer, dann aus Gewohnheit, schließlich aus einem Gefühl, das sie nicht benennen wollte, weil es zu zart war, um es mit Worten zu zerbrechen. Sie lebte nun bei Felix – nicht offiziell, nicht mit großen Gesprächen über Zukunft oder Verpflichtungen, sondern einfach: Ihre Zahnbürste stand neben seiner. Ihre Wäsche hing auf seinem Trockner. Ihre Bücher lagen auf seinem Nachttisch, und abends, wenn sie nebeneinander auf der Couch saßen, lag ihr Bein über seinem, als wäre es das Natürlichste der Welt.
Und doch hatte sich zwischen ihnen nichts Erotisches ereignet. Kein Kuss. Keine Berührung unterhalb der Gürtellinie. Sie schliefen nebeneinander, Arm in Arm, manchmal eng umschlungen, aber es blieb bei dieser sanften, geschützten Nähe.
Felix hatte sich geschworen, nichts zu forcieren. Er wusste, dass Mareike verletzt war. Er wusste, dass Vertrauen Zeit brauchte, besonders nach sieben Jahren in einer Beziehung, in der sie nicht einmal gehalten worden war. Also wartete er. Er ließ sie kommen, und er ließ sie gehen, und er fragte nie nach mehr.
Aber Mareike begann, anders zu atmen.
Es war ein Dienstagabend, als es das erste Mal passierte. Sie hatten zusammen gekocht – ein einfaches Risotto, das sie mit einem Glas Weißwein hinunterspülten. Die Küche duftete nach Parmesan und Butter, und irgendwo im Hintergrund lief leise Musik, etwas mit Klavier und einer sanften Frauenstimme.
Mareike spülte das Geschirr, während Felix die Tischdecke abschüttelte. Als er zurückkam, stand sie noch immer am Spülbecken, die Hände im warmen Wasser, und starrte aus dem Fenster in die dunkle Gasse.
„Alles okay?“, fragte er.
Sie drehte sich um. Ihr Blick war anders. Weicher, aber auch bestimmter. Sie trocknete sich die Hände ab, trat auf ihn zu, und ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihre Handflächen auf seine Brust. Felix hielt still.
„Weißt du“, sagte sie leise, „du fragst mich immer, ob alles okay ist. Jeden Tag. Manchmal mehrmals. Und ich mag das. Ich mag, dass du fragst. Aber heute möchte ich dich etwas fragen.“
„Mich?“
„Ja.“ Sie ließ ihre Hand von seiner Brust zu seinem Kragen gleiten, strich über den Stoff seines Hemdes, als würde sie eine Oberfläche prüfen, die sie schon tausendmal gesehen hatte, aber zum ersten Mal wirklich fühlte. „Warum küsst du mich nie?“
Felix schluckte. Die Frage traf ihn mitten in der Brust. „Weil ich nicht will, dass du denkst, ich würde … etwas ausnutzen. Du warst verletzt. Du bist es vielleicht immer noch. Und ich will nicht der Nächste sein, der dir wehtut.“
Mareike nickte langsam. Sie schien seine Antwort zu prüfen, sie zu wiegen, als wäre sie ein Versprechen. „Und wenn ich dich bitten würde?“
„Wozu?“
„Mich zu küssen.“
Die Musik im Hintergrund spielte weiter, aber Felix hörte sie nicht mehr. Er hörte nur seinen eigenen Herzschlag und das leise, gleichmäßige Atmen von Mareike, die vor ihm stand, nicht mehr als eine Handbreit entfernt.
Er hob seine Hand, legte sie an ihre Wange. Ihre Haut war warm von der Küche, weich, und sie lehnte sich in seine Berührung, schloss für einen Moment die Augen.
„Darf ich?“, fragte er, obwohl sie es bereits gesagt hatte.
„Ja“, flüsterte sie.
Er beugte sich vor. Ganz langsam. So langsam, dass sie hätte ausweichen können, hätte sie gewollt. Aber sie wich nicht aus. Sie kam ihm entgegen, nur Millimeter, und dann trafen sich ihre Lippen.
Es war kein wilder Kuss. Kein hungriges Verschlingen. Es war ein erstes, zögerliches Berühren – Lippen auf Lippen, so leicht, als würde der Sommerwind ein Blütenblatt über einen Stein tragen. Felix spürte, wie ihre Lippen leicht geöffnet waren, wie ihr Atem wärmer wurde. Sie roch nach Weißwein und nach sich selbst, nach etwas Süßlichem, das er nicht benennen konnte.
Sie löste sich, sah ihn an. Ihre Augen glänzten.
„Noch einmal“, sagte sie.
Und er küsste sie wieder. Dieses Mal tiefer. Sein Mund öffnete sich, und ihrer tat es ihm gleich, und ihre Zungen trafen sich, vorsichtig, fast schüchtern, wie zwei Menschen, die tanzen lernen. Mareike atmete durch die Nase, ein leiser, zitternder Laut entwich ihr, und ihre Hand wanderte in seinen Nacken, zog ihn näher.
Felix vergrub seine Finger in ihrem Haar, das offen auf ihre Schultern fiel. Er küsste sie, bis sie beide außer Atem waren, bis die Küche um sie herum verschwamm und nur noch dieser eine Punkt der Berührung übrig blieb.
Als sie sich schließlich lösten, lehnte Mareike ihre Stirn gegen seine. Sie lächelte. Dieses Lächeln war anders als die kleinen, vorsichtigen Lächeln der letzten Wochen. Es war ein Lächeln des Begehrens.
„Das hat viel zu lange gedauert“, sagte sie.
„Ich wollte geduldig sein“, sagte er.
„Ich mag deine Geduld“, sagte sie. „Aber jetzt mag ich deine Ungeduld auch.“
In den folgenden Tagen veränderte sich etwas. Es war nichts Lautes, nichts, was man mit Worten fassen konnte. Es war eine Schwingung, die zwischen ihnen lag – eine neue Art von Aufmerksamkeit.
Mareike begann, Felix anzusehen. Wirklich anzusehen. Wenn er morgens aus dem Bad kam, das Handtuch um die Hüften, seine Brust noch feucht vom Duschen, hielt sie keinen Moment länger den Blick gesenkt. Sie sah hin. Sie sah seine Schultern, seine Arme, die feine Linie aus dunklem Haar, die von seinem Bauchnabel abwärts führte. Und sie lächelte, als wäre sie stolz darauf, dass sie ihn sehen durfte.
Wenn er abends am Schreibtisch saß und arbeitete, kam sie von hinten, legte ihre Hände auf seine Schultern, massierte die Verspannungen aus seinen Muskeln. Aber ihre Finger wanderten tiefer, über seinen Rücken, seine Flanken, blieben manchmal einen Herzschlag länger auf seiner Hüfte, als es eine bloße Massage rechtfertigte.
Und wenn sie nebeneinander im Bett lagen, nachdem das Licht ausgeschaltet war, drehte sie sich nicht mehr einfach nur auf die Seite. Sie kuschelte sich an ihn, ja, aber dann hob sie ihren Kopf, küsste seine Brust, seine Schulter, die Stelle an seinem Hals, wo sein Puls schlug.
Felix lag still und ließ es geschehen. Er spürte, wie sich sein Körper unter ihrer Aufmerksamkeit veränderte – wie seine Haut empfindlicher wurde, wie seine Atmung flacher, wie etwas in ihm erwachte, das er die ganze Zeit über unter dem Deckmantel der Fürsorge versteckt hatte.
„Mareike“, sagte er eines Abends, als ihre Lippen auf seiner Brust verweilten. „Bist du sicher? Ich will nicht, dass du etwas tust, weil du dich verpflichtet fühlst.“
Sie hob den Kopf. Im Dämmerlicht des Schlafzimmers sah ihr Gesicht aus wie eine Skulptur aus Schatten und Licht. „Fühle ich mich nicht“, sagte sie. „Ich fühle mich, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben selbst bestimmen, was ich will. Und ich will dich, Felix. Nicht deine Geduld. Nicht deine Fürsorge. Dich. Ganz.“
Er zog sie an sich heran, küsste sie und zögerte dieses Mal nicht. Es war ein Kuss, der sagte: Ich höre dich. Ich glaube dir.
Der Abend, an dem es wirklich geschah, war ein Samstag.
Es hatte den ganzen Tag geregnet, ein gleichmäßiger, sanfter Regen, der die Fenster beschlug und die Welt draußen in ein verschwommenes Grau tauchte. Sie waren drinnen geblieben, hatten nichts Besonderes getan. Mareike hatte gelesen, Felix hatte Musik gehört, und irgendwann hatten sie sich auf dem Teppich im Wohnzimmer wiedergefunden, wo sie nebeneinander lagen und die Wolken beobachteten, die über die Dächer zogen.
Sie trug eines seiner Hemden – ein altes, kariertes Flanellhemd, das ihr bis zu den Oberschenkeln reichte. Darunter trug sie nichts. Felix hatte es bemerkt, als sie sich zum Kaffee bückte, und seitdem saß das Bild in seinem Kopf fest, wie ein Nagel, den man nicht mehr herausbekam.
„Felix?“
„Hm?“
Sie drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf ihre Hand. Das Hemd rutschte ein wenig von ihrer Schulter, und sie ließ es geschehen. „Ich möchte, dass du mich berührst.“
Sein Herz machte einen Satz. „Ich berühre dich doch.“
„Nein“, sagte sie, und ihre Stimme war leise, aber fest. „Ich meine wirklich. Ich möchte, dass du mich so berührst, wie du es bisher nicht getan hast, weil du zu rücksichtsvoll warst. Ich möchte spüren, wie es ist, von dir gewollt zu werden. Nicht beschützt. Gewollt.“
Felix setzte sich auf. Er sah sie an – dieses zarte, entschlossene Gesicht, ihre Finger, die am Saum des Hemdes spielten, das leichte Zittern, das sie nicht unterdrücken konnte. Sie war nicht unberührt. Sie war unsicher, ob sie es wert war, begehrt zu werden. Das las er in ihren Augen.
„Mareike“, sagte er, und seine Stimme war tiefer als sonst. „Wenn du das wirklich willst, dann lass mich dir zeigen, wie sehr ich dich will. Aber du musst mir sagen, wenn etwas nicht gut ist. Du bestimmst das Tempo. Immer.“
Sie nickte. Ihre Pupillen waren weit.
Felix beugte sich vor, nahm ihr Gesicht in beide Hände, küsste sie – sanft, dann fester, dann mit einer Intensität, die ihn selbst überraschte. Seine Zunge strich über ihre Unterlippe, und sie öffnete sich für ihn, ein leiser Seufzer entwich ihr. Ihre Hand legte sich auf seine, presste sie fester an ihre Wange, als wolle sie sagen: mehr.
Er küsste ihren Kiefer, den weichen Punkt hinter ihrem Ohr, den Hals, wo ihre Pulsadern schlugen. Sie roch nach Regen und nach sich selbst, ein warmer, weicher Duft, der ihn schwindelig machte. Ihre Hand glitt in seinen Nacken, ihre Finger krallten sich leicht in seine Haare.
„Zieh das Hemd aus“, flüsterte er an ihrer Haut.
Sie zögerte eine Sekunde, dann griff sie nach dem Saum und zog es über ihren Kopf. Es fiel zu Boden. Sie lag vor ihm, nackt, ihre Brüste klein und fest, ihre Brustwarzen bereits hart von der Erregung, die zwischen ihnen lag. Sie machte keine Anstalten, sich zu bedecken. Sie ließ ihn sehen.
Felix atmete aus. Er hatte ihren Körper schon oft unter Kleidung erahnt – im Bademantel, im T-Shirt, wenn sie sich im Schlaf gegen ihn gepresst hatte –, aber so war es anders. So war es wirklich. Ihre Hüften, die weiche Rundung ihres Bauches, die feinen Linien ihrer Rippen. Sie war nicht perfekt nach irgendeinem Maßstab, aber für ihn war sie es.
„Du bist wunderschön“, sagte er.
Sie schloss die Augen, als würde sie das nicht glauben können. Dann öffnete sie sie wieder, und in ihrem Blick lag etwas Neues: nicht Zweifel, sondern Hoffnung.
„Fass mich an“, sagte sie.
Er legte seine Hand auf ihren Bauch. Seine Finger waren warm, fast heiß auf ihrer kühlen Haut. Sie zuckte leicht zusammen, aber nicht vor Schreck. Vor Empfindung. Er strich langsam nach oben, zu ihren Rippen, zu den Seiten ihrer Brüste, umrundete sie, ließ sie warten.
„Felix“, hauchte sie, und ihr Klang war eine Mischung aus Bitte und Befehl.
Er gehorchte. Seine Hand umschloss ihre Brust, der Daumen strich über ihre Brustwarze, und sie bog den Rücken durch, ein leiser Laut entwich ihr, diesmal eindeutig. Nicht Trauer. Nicht Schmerz. Lust.
Er beugte sich hinab und nahm ihre Brustwarze in den Mund. Mareike keuchte auf, ihre Hand vergrub sich in seinen Haaren, ihr Bein schlang sich um seine Hüfte. Sie drückte sich an ihn, suchte mehr von seiner Wärme, mehr von seinem Mund. Er ließ seine Zunge kreisen, saugte sanft, hörte, wie ihr Atem schneller wurde.
„Ich will dich auch berühren“, sagte sie atemlos.
Er richtete sich auf, zog sein Hemd aus, dann seine Hose. Er trug nur noch seine Boxershorts, und die spannte sich über seiner Erregung. Mareike sah hin, und ihre Wangen röteten sich, aber sie schaute nicht weg. Sie streckte die Hand aus, legte sie auf den Stoff, spürte die Hitze, die darunter pochte.
„Darf ich?“
„Ja“, sagte er, und seine Stimme brach fast.
Sie schlüpfte mit ihrer Hand in seine Boxershorts, umschloss ihn, und Felix musste sich auf die Lippen beißen, um nicht zu stöhnen. Ihre Finger waren weich, unsicher, aber lernend. Sie bewegte sich langsam, erkundete die Form, die Spannung, die feuchte Spitze.
„So lange hast du gewartet“, sagte sie leise. „So lange hast du nichts verlangt. Und jetzt liegst du hier und zitterst unter meiner Hand.“
„Mareike …“
„Shh.“ Sie legte einen Finger auf seine Lippen. „Jetzt bestimmte ich. Erinnerst du dich?“
Er nickte. Er hätte nicht sprechen können, selbst wenn er gewollt hätte.
Sie ließ seinen Glied los, setzte sich auf, und dann, bevor er begreifen konnte, was geschah, schlüpfte sie aus ihrer Unterwäsche und setzte sich rittlings auf ihn. Aber nicht auf seinen Glied. Sie setzte sich auf seinen Oberschenkel, spürte seine Muskelspannung, die Wärme seiner Haut. Sie beugte sich vor, ihre Brüste streiften seine Brust, ihre Lippen suchten seine.
„Heute Nacht möchte ich dich nur spüren“, flüsterte sie. „Nicht mehr. Nur dich auf mir, deine Hände auf mir, deinen Mund. Ich möchte lernen, wie du schmeckt. Wie du klingst. Ich möchte so viel Zeit mit dir verbringen, Felix, dass ich am Ende keine einzige Stelle deines Körpers mehr übersehen kann.“
Er nahm ihre Hüften in seine Hände, die Finger fest auf ihren Knochen. Sie war so leicht, so warm. Er hob seine Hüften an, rieb sich an ihr, nicht eindringend, nur spürend. Sie seufzte, schloss die Augen, ließ den Kopf in den Nacken fallen.
Sie ritt ihn auf diese Weise – nicht im eigentlichen Sinn, sondern mit ihren Schenkeln, ihrem Becken, dem sanften Druck ihrer feuchten Wärme gegen seinen Oberschenkel. Sie nahm, was sie brauchte, und gab, was sie geben konnte. Ihre Hände wanderten über seine Brust, seine Schultern, sein Gesicht. Sie küsste seine Augenlider, seine Nasenspitze, die Narbe auf seinem Kinn.
„Du hast so lange auf mich aufgepasst“, sagte sie. „Jetzt lass mich auf dich aufpassen.“
Und sie glitt tiefer, legte ihre Wange auf seinen Bauch, küsste seine Haut, hauchte über seine Leiste, bis sein ganzer Körper ein einziger Nerv war. Sie nahm ihn in den Mund – vorsichtig, fast schüchtern –, und Felix vergaß, wie man atmet. Ihre Zunge war weich und warm, ihre Lippen umschlossen ihn, und sie lernte schnell, was ihn stöhnen ließ, was seine Finger in ihren Haaren kräuseln ließ.
„Mareike“, keuchte er. „Ich kann nicht … nicht mehr lange …“
Sie hörte auf, lächelte ihn an – nackt, mit feuchten Lippen und weit geöffneten Augen. „Dann lass uns das Bett finden“, sagte sie. „Dort möchte ich, dass du mich hältst. Wirklich hältst. Mit allem, was du hast.“
Er stand auf, zog sie hoch, trug sie ins Schlafzimmer. Sie lachte, ein leises, glückliches Lachen, das er noch nie von ihr gehört hatte. Er legte sie auf das Bett, und sie breitete die Arme aus, ein Angebot, eine Einladung.
Er legte sich auf sie, spürte ihren ganzen Körper unter sich, ihre Arme um seinen Nacken, ihre Beine um seine Taille. Ihr Blick war klar, voller Vertrauen.
„Jetzt“, sagte sie. „Bitte jetzt.“
Er drang in sie ein, langsam, so langsam, dass sie beide stöhnten – nicht vor Schmerz, sondern vor dem puren Gefühl der Ankunft. Nach all den Wochen der Zurückhaltung, der Fürsorge, des Wartens waren sie endlich da. Körper an Körper, Haut an Haut, Atem an Atem.
Er bewegte sich in ihr, sanft, gleichmäßig, wie die Wellen des Regens draußen gegen die Scheiben schlugen. Sie hielt ihn fest, ihre Finger gruben sich in seinen Rücken, ihre Lippen suchten seine Schulter, seinen Hals, sein Ohr.
„Du fühlst dich an wie Zuhause“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach vor Rührung.
Felix hörte auf, sich zu bewegen. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, atmete sie ein, spürte, wie ihr Herz gegen seine Brust schlug – zwei Herzen, fast im gleichen Rhythmus.
„Weil ich dein Zuhause sein will“, sagte er. „Wenn du mich lässt.“
Sie drehte seinen Kopf, sah ihn an, und ihre Augen waren nass – nicht vor Trauer, nicht vor Schmerz. Vor Glück.
„Du lässt mich nicht mehr gehen“, sagte sie. „Das weißt du, oder?“
Er lächelte. Dann küsste er sie, und sie bewegten sich wieder, langsamer diesmal, fast feierlich, bis die Welt um sie herum verschwand und nur noch dieses eine Zimmer, dieses eine Bett, dieser eine Mensch übrig blieb.
Als sie kamen – sie zuerst mit einem schluchzenden Laut, der wie eine Befreiung klang, dann er, tief in ihr –, fiel der Regen draußen leiser. Die Wolken verzogen sich. Und in der Stille danach lagen sie verschlungen, nackt und zufrieden, und keiner von beiden sagte ein Wort.
Weil keines mehr nötig war.
Drei Wochen später kochte Mareike in Felix' Küche. Sie hatte ihre eigenen Tassen mitgebracht, ihre Lieblingstasse mit dem blauen Vogel darauf, und sie stand barfuß auf den Fliesen und rührte in einem Topf, während Felix am Tisch saß und ihr dabei zusah. Sie wohnte immer noch nicht wieder unten – aber sie hatte auch nicht mehr vor, es zu tun. Die Wohnung im Erdgeschoss würde sie untervermieten, hatte sie beschlossen. Felix hatte ein Arbeitszimmer, das sie sich teilen könnten, wenn sie wollte.
Als sie die Nudeln abgoss, kam er von hinten, legte seine Arme um ihre Taille, und sie lehnte sich in seine Umarmung, ohne sich umzudrehen.
„Du bist gut“, sagte sie.
„Du auch“, sagte er.
Und das war genug.